Mit der Einzelausstellung „...grungy…“ kündigt die White Square Gallery ihre Zusammenarbeit mit dem 1956 in Höxter geborenen Künstler Axel Lischke an.
Nach der Ausbildung als Goldschmidt begann Axel Lischke 1980 sein Kunststudium an der Düsseldorfer Akademie, an der er bis 1985 bei Tony Cragg und Nam June Paik studierte. 1985 zog er nach Berlin, um 1988 seinen Meisterschülerabschluss an der HdK (heute UdK) bei Shinkishi Tajiri zu machen.
In den 90-er Jahren ist er durch seine bizarren Skulpturen bekannt geworden, bei denen er mit neuen, gebrauchten und gefundenen Gegenständen experimentierte. Seine bereits fertigen Objekte nähte er in transparenten Latex oder goss sie in flüssigen Polyester ein. Auf diese Weise wurden sie aus dem normalen Gebrauch gezogen und für „immer und ewig“ konserviert. Möbelstücke, Waffen, Kosmetikgegenstände etc. verloren ihren alltäglichen Sinn und wurden so zu den Exponaten, die den Betrachter zu gleicher Weise ästhetisch anmuteten und irritierten. Das Zeichnen war immer ein Teil des künstlerischen Arbeitsprozesses bei Lischke. Dennoch waren seine Zeichnungen nie bloß als Skizzen oder Entwürfe für seine Skulpturen gedacht. Ging es ihm in seiner Bildhauerei in erster Linie um Objekte, ihre Präsentation und Wahrnehmung, die er durch deren räumliche Abgrenzung besonders wirksam zu machen verstand. So galt beim Zeichnen sein Interesse in erster Linie dem Raum. Es gelang ihm stets solche atmenden Räume zu erschaffen, deren Grenzen sich wie von alleine ins Unendliche weiteten.
Auf Papier oder Pappe, mit Bleistift bzw. Kugelschreiber gezeichnet und mit Aquarelle fein oder auch mit der Zeit zunehmend kräftiger koloriert, stellen die großen Zeichnungen endlose dynamische Welten dar, die vom Künstler langsam und minuziös, aber auf eine für ihn typische obsessive, ja beinah manische Weise erschafften wurden. Diese pulsierenden Welten sind mit vielen bereits bekannten Gebrauchsgegenständen bevölkert , die sonst das Thema seiner Skulpturen bilden . Auch hier wird ihnen ihre funktionelle Bedeutung völlig entzogen, wenn auch auf eine komplett andere Weise. Hier bricht Lischke entscheiden einige Naturgesetze. Nichts scheint mehr zu stimmen: Die Toasters, Sofas, Stehlampen, Kannen und Tassen, deren Größenverhältnisse durcheinander gebracht sind, schweben und fliegen in alle Richtungen, schwerelos und vibrierend, und bilden wunderschöne farbige Akzente, die manchmal von einander fliehen und manchmal auf einander prallen. Wie Waldlichter, die aufflattern, um gleich zu verschwinden.
Seit einiger Zeit begann Lischke die neuen Elemente in die filigranen Strukturen der Zeichnungen einzuweben, die die Lesbarkeit der Arbeiten zum größten Teil neu bestimmen: Die Buchstaben, aus denen sich nach einer langen wie eingehenden Betrachtung Wörter und Sätze herausbilden, die aus allen Richtungen zu einander zu finden und wiederum in alle Richtungen von einander zu fliegen scheinen. Diese gilt nun zu fangen…. Denn auf den ersten Blick scheinen sich diese neuen Formen nicht viel von den früheren zu unterscheiden, so dass nur ein aufmerksamer und williger Betrachter auf den Genuss der scherzhaften, ja sogar derben Wortspiele kommen würde, die er selbst , im Laufe der Betrachtung, nach und nach zusammenstellen darf. Auch andere Motive werden in den neuen Arbeiten zu finden: bisweilen sind es sogar Menschen , deren Konturen wir in den Zeichnungen erraten. Ihre Handlungen entgehen uns dagegen voll und ganz. Da gibt es viel Platz für Fantasie.
Mit Humor und Augenzwinkern erfindet der Künstler seine Kompositionen immer wieder neu und verwendet immer weitere Elemente, Farben und Perspektiven, ohne dass seine Formationen je an ihrer authentischen Kraft einbüßen. Denn mögen sich die Motive und Strukturen, Kolorit und Dichte der Zeichnungen auch verändern, bleibt ihnen stets ein wichtiges Merkmal gemeinsam: die organische Einheit, in der jedes sogar kleinste Element nicht nur für sich steht, sondern mit allen anderen Teilen des unendlich großen Ganzen korrespondiert. Dieses rege Agieren und Reagieren aller Partikeln mit und auf einander erfüllt die Formationen mit Leben, gibt denen ihre Vitalität, die das Eigenleben anspornt. Das verleiht den Arbeiten ihre wahrhaft kosmischen Ausmaße und lässt sie nie den Zusammenhang mit der Realität verlieren, deren Bestandteil sie immer bleiben.
English Version
Axel Lischke …grungy…
April 14th –Juni 16th 2012 Opening reception: April 13th 2012, 7-9pm
With the solo exhibition “...grungy…“ the White Square Gallery announces its collaboration with the artist Axel Lischke, born 1956 in Höxter.
Subsequent to his apprenticeship as goldsmith, Axel Lischke began his studies in art in 1980 at the Kunstakademie Düsseldorf, where he studied with Tony Cragg and Nam June Paik until 1985. In 1985 he moved to Berlin after being accepted to study as a master student with Shinkishi Tajiri at the HdK (today the UdK), which he graduated from in 1988.
In the 90s he became known for his bizarre sculptures, works in which he experimented with new, used, and found objects. He sewed his preexisting objects into transparent latex, or cast them in liquid polyester, defying their usual functions and preserving them “now and forever.” Pieces of furniture, weapons, cosmetic products, and so on—these items lost their everyday sense and thus became display pieces perceived by the viewer as both aesthetic and, in equal measure, irritating.
Drawing was always a part of Lischke’s artistic working process. Yet his drawings were never thought of as mere sketches or designs for his sculptures. If his process of making sculptures was predominantly about objects, their presentation and the viewer’s perception of them (to which he was, thanks to how he demarcated them spatially, capable of lending an exceptional effectiveness), then when he made drawings, his primary focus was on the space itself. Time and again he succeeded in creating spaces that breathed, whose boundaries stretched into infinity, as if for their own sake.
On paper or cardboard, drawn with pencil or pen, using watercolor to finely color, or to color with a vividness that intensified over time, his large-scale drawings depict endless, dynamic worlds created slowly and meticulously, but in an obsessive, almost manic mode typical of Lischke. These pulsating worlds come populated with the many well-known utility objects that otherwise constitute his sculptures’ theme. Here too they are outright divested of functional significance, albeit quite differently. Here Lischke willfully breaks a number of natural laws. Nothing seems right anymore: the toaster, sofas, floor lamps, kettles and cups whose scale have been confused float and soar in all directions, weightless and oscillating, and make gorgeous, colorful accents that sometimes flee from each other, sometimes crash into one another. The wisps that flutter into view just to disappear again.
New elements that Lischke has been weaving into the drawings’ filigree structures since some time now are most significant in re-forming the readability of the works: letters, from which words and sentences emerge after long and extensive looking, words and sentences that seem to find their way to each other from all directions and then bolt away from each other in all directions. The challenge now is to catch them.... For at first glance these new forms seem not so foreign to their predecessors, so little so that only the attentive and keen observer would find pleasure in the scurrilous—even crude—puns that he is free to piece together on his own, piece by piece.
Other motifs can be found in these new works: occasionally we might even suspect to see a person’s contours in the drawings. On the other hand, their narratives escape us, lock, stock and barrel, leaving ample room for fantasy.
Winking his eye, Lischke keeps reinventing his compositions with humor. He keeps applying new elements, colors, and perspectives without causing his formations any loss of their authentic strength. Because whether or not the drawings’ motifs and structures, atmospheres, complexions, and densities change, one important feature stays the same: the organic unity in which each element, even the smallest element, stands not only for itself, but also corresponds with every other part of the infinitely big whole. This brisk acting and reacting of all particles with and to each other fills the formations with life and gives them a vitality that stimulates an independent existence proper to each work; it lends to the works their truly cosmic dimension, and it keeps them from ever losing touch with reality, which they will always remain a component of.